Seiten

Freitag, 27. Juni 2014

Vom Fichtenbaum, dem Teiche und den Wolken

Gestern hatte ich geschrieben es hat geregnet, heute kann ich schreiben, das Wetter ist wunderschön. Na ja, noch ein bisschen Wind ... aber eine Fabel kann man bei jedem Wetter lesen.


Vom Fichtenbaum, dem Teiche und den Wolken

Die herrliche Abendsonne beschien mit ihren goldenen Strahlen einen großen Fichtenbaum, welcher an einer felsigen Berghalde stand. Sein stachliges Laub prangte im schönsten Grün, und seine Äste waren wie mit Feuer übergossen und glänzten weithin durch die Gegend. Er freute sich dieses Glanzes und meinte, all diese Herrlichkeit gehe von ihm selbst aus und sei sein eigenes Verdienst, so dass er sehr eitel ward und prahlend ausrief: »Seht her, ihr andern Gewächse und Geschöpfe um mich her, wo erscheint eines in solcher Pracht wie ich edle Fichte? Gewiss, ihr seid sehr zu bedauern, dass euch der Schöpfer nicht schöner geschmückt hat.«

Die Sonne hörte diese eitle Rede und wurde darüber unwillig, so dass sie ihre Strahlen von dem Baume weg auf einen dunklen Teich wandte, der untern Berge in tiefer Ruhe lag. Der Fichtenbaum sah nun so öd und traurig aus wie vorher; der Teich aber bewegte sich freudig in kleinen goldenen Wellen und widerstrahlte das Bild der Sonne in tausend Feuerpunkten. Allein auch er wurde stolz darauf und glaubte am Ende, er selbst sei die Quelle all dieser Klarheit, und verspottete die anderen Gewässer, welche im Schatten lagen.

Da wurde die Sonne abermals unwillig, zog Wolken zusammen, in denen sich verhüllte, und der Teich lag nun wieder in seinem düsteren melancholischen Grau wie zuvor und schämte sich. Die Wolken hingegen begannen jetzt zu glühen und zu scheinen wie Purpur und verbreiteten sich wohlgefällig im abendlichen Himmel, als die Erde schon im Schatten lag. Da wurden auch sie übermütig und riefen: »Erglänzen wir nicht viel schöner denn die Sonne?« Und zum dritten Male wurde die Sonne unwillig, und indem sie hinter den Horizont hinabstieg, entzog sie ihre Strahlen den undankbaren Luftgebilden, und Wolken, See und Bäume verschwammen nun in der grauen Dämmerung, endlich die Nacht all diese eitlen Geschöpfe der Vergessenheit übergab.

Gottfried Keller Europa - Mitteleuropa - Schweiz



Kommentare:

  1. Guten Morgen, lioebe Margot,
    ja, so ist das mit der Eitelkeit, sie tut selten gut - vielleicht nur im allerersten Moment und dann kommt man ganz schnell auf den Boden der tatsachen zurück!
    Ich wünsche dir einen schönen tag, an dem es die Sonne mit uns gut meint,
    herzliche Grüße
    Regina

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Guten Morgen liebe Regina, da gehe ich mit deinen Worten mit. Zu viel Eitelkeit geht in Überheblichkeit über, was niemanden gut tut.
      Wünsche dir auch einen schönen Tag mit viel Sonne.
      Ganz, ganz liebe Grüße, Margot.

      Löschen
  2. Hallo Margot,

    jetzt bin ich auch endlich darüber informiert weshalb es hier öfter so wolkig ist ;)
    Eine tolle Geschichte und Überheblichkeit ist nicht wirklich gut.

    Liebe Grüße und einen angenehmen Abend für Dich
    Björn :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke Björn für deinen lieben Kommentar. Nein, Überheblichkeit ist wirklich nicht gut. Davon dürftest du überhaupt nichts spüren. :-))

      Noch einen schönen Tag und liebe Grüße, Margot.

      Löschen