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Sonntag, 10. August 2014

Der Affe und die Nuss

... heute ist ein etwas trüber Tag, es sind sehr viel Wolken unterwegs. Es sind keine Schäfchenwolken, sondern eher dicke, fette Regenwolken. Bei ihrem Anblick stelle ich mir die Frage, wann regnet es ... na gut, der Wind, der verhalten bläst, treibt sie auseinander. Also abwarten ... da kann ich auch zwei Kurzgeschichten lesen, denn unbedingt möchte ich ja kein Regen. Was mir aber gefällt, ich kann überlegen, was mir mit diesen Geschichten gesagt wird.


Der Affe und die Nuss

Der Affe einen Korb einst fand, gefüllt mit Nüssen bis zum Rand. Er hätte draus die Kerne gefressen gar zu gerne, die sollten schmecken köstlich gut!

Doch zornig ward ihm bald zumut: Er leckte - puh! - wie bitter! Er biss drauf – huh! - ein Splitter der Schale riss den Mund ihm auf.

»Nun hört mir bloß mit Nüssen auf!« rief er, »das ist ja Lug und Trug! Mein blutiger Mund lehrt mich genug!« Weg warf das Ding er mit Verdruss, den süßen Kern auch mit der Nuss.

Viel Leute, und gar allerhand im weiten Menschenreich ich fand, die, weil's bedachte Mühe macht, sich selbst um süße Frucht gebracht.

Beim Feuerzünden sieht man's auch, da gibt's zuerst den bösen Rauch, der in die Augen beißet sehr ... Doch bläst du tapfer fort und mehr, wird's eine Flamme, rein und hell, so recht des Wohlbehagens Quell Ein Feuerlein, das heg' man gut, dann gibt's als Feuer Licht und Glut!

Ulrich Boner - Deutschland


Das Testament

»Sohn«, fing der Vater an, indem er sterben wollte, »wie ruhig schlief ich jetzt nicht ein, wenn ich nach meinem Tod dich glücklich wissen sollte! Du bist es wert und wirst es sein. Hier hast du meinen letzten Willen; sobald du mich ins Grab gebracht, so brich ihn auf und such' ihn zu erfüllen, so ist dein Glück gewiss gemacht, versprich mir dies, so will ich freudig sterben.«

Der Vater starb, und kurz darauf brach auch der Sohn das Testament schon auf und las: »Mein Sohn, du wirst von mir sehr wenig erben, als etwan ein gut Buch und meinen Lebenslauf, den setz ich dir zu deiner Nachricht auf. Mein Wunsch war meine Pflicht. Bei tausend Hindernissen befliss ich stets mich auf ein gut Gewissen. Verstrich ein Tag, so fing ich zu mir an: ›Der Tag ist hin; hast du was Nützliches getan? Und bist du weiser als am Morgen?‹ Dies, lieber Sohn, dies waren meine Sorgen. So fand ich denn von Zeit zu Zeit zu meinem täglichen Geschäfte mehr Eifer und zugleich mehr Kräfte und in der Pflicht stets mehr Zufriedenheit. So lernt' ich, mich mit Wenigem begnügen, und steckte meinem Wunsch ein Ziel. ›Hast du genug‹, dacht' ich, so hast du viel; und hast du nicht genug, so wird's die Vorsicht fügen. Was folgt dir, wenn du heute stirbst? Die Würden, die dir Menschen gaben? Der Reichtum? Nein, das Glück, der Welt genützt zu haben. Drum sei vergnügt, wenn du dir dies erwirbst.' So dacht' ich, liebster Sohn, so sucht' ich auch zu leben. Vergiß es nicht: Das wahre Glück allein ist, ein rechtschaffner Mann zu sein.«

Christian Fürchtegott Gellert - Deutschland


Kommentare:

  1. Liebe Margot,
    danke für die wunderschönen Geschichten.
    Einen schönen Restsonntag wünscht Dir
    Irmi

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    1. Danke liebe Irmi für deine netten Worte. Ich wünsche dir eine wunderschöne Woche. :-)
      Liebe Grüße, Margot.

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