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Dienstag, 2. September 2014

Traurigkeit die jeder kennt

Heute beachte ich das Wetter nicht, es ist so, wie so oft in diesem Jahr. Es liegt zwischen Regen und dunklen Wolken. Und ich, ich komme nicht von Erich Kästners Gedichten weg. Sie sind in einer Reimform geschrieben, die mir gefällt, ohne auf dessen Inhalt zu achten. Doch wenn man auf den Inhalt der Gedichte achtet, gefallen sie mir noch besser. So wie die Nachfolgenden ...



Traurigkeit die jeder kennt

Man weiß von vornherein, wie es verläuft.
Vor morgen früh wird man bestimmt nicht munter.
Und wenn man sich auch noch so sehr besäuft:
die Bitterkeit, die spült man nicht hinunter.

Die Trauer kommt und geht ganz ohne Grund.
Und angefüllt ist man mit nichts als Leere.
Man ist nicht krank. Und ist auch nicht gesund.
Es ist, als ob die Seele unwohl wäre.

Man will allein sein. Und auch wieder nicht.
Man hebt die Hand und möchte sich verprügeln.
Vorm Spiegel denkt man: "Das ist dein Gesicht?"
Ach, solche Falten kann kein Schneider bügeln.

Vielleicht hat man sich das Gemüt verrenkt?
Die Sterne ähneln plötzlich Sommersprossen.
Man ist nicht krank. Man fühlt sich nur gekränkt.
Und hält, was es auch sei, für ausgeschlossen.

Man möchte fort und findet kein Versteck.
Es wäre denn, man ließe sich begraben.
Wohin man blickt, entsteht ein dunkler Fleck.
Man möchte tot sein. Oder Gründe haben.

Man weiß, die Trauer ist sehr bald behoben.
Sie schwand noch jedes Mal, so oft sie kam.
Mal ist man unten, und mal ist man oben.
Die Seelen werden immer wieder zahm.

Der Eine nickt und sagt: "So ist das Leben."
Der andre schüttelt seinen Kopf und weint.
Wer traurig ist, sei´s ohne Widerstreben!
Soll das ein Trost sein? So war´s nicht gemeint.

Emil Erich Kästner 




Eine Frau spricht im Schlaf

Als er mitten in der Nacht erwachte,
schlug sein Herz, daß er davor erschrak.
Denn die Frau, die neben ihm lag, lachte,
daß es klang, als sei der Jüngste Tag.

Und er hörte ihre Stimme klagen.
Und er fühle, daß sie trotzdem schlief.
Weil sie beide blind im Dunkeln lagen,
sah er nur die Worte, die sie rief.

"Warum tötest du mich denn nicht schneller?"
fragte sie und weinte wie ein Kind.
Und ihr Weinen drang aus jenem Keller,
wo die Träume eingemauert sind.

"Wieviel Jahre willst du mich noch hassen?"
rief sie aus und lag unheimlich still.
"Willst du mich nicht weiterleben lassen,
weil ich ohne dich nicht leben will?"

Ihre Fragen standen wie Gespenster,
die sich vor sich selber fürchten, da.
Und die Nacht war schwarz und ohne Fenster.
Und schien nicht zu wissen, was geschah.

Ihm (dem Mann im Bett) war nicht zum Lachen.
Träume sollen wahrheitsliebend sein ...
Doch er sagte sich: "Was soll man machen!"
und beschloß, nachts nicht mehr aufzuwachen.
Daraufhin schlief er getröstet ein.

Erich Kästner


Kleine Rechenaufgabe

Allein ging jedem Alles schief.
Da packte sie die Wut.
Sie bildeten ein Kollektiv
und glaubten, nun sei´s gut.
Sie blinzelten mit viel Geduld
der Zukunft ins Gesicht.
Es blieb, wie´s war. Was war dran schuld?
Die Rechnung stimmte nicht.
Addiert die Null zehntausend Mal!
Rechnet´s nur gründlich aus!
Multipliziert´s mit jeder Zahl!
Steht Kopf! Es bleibt euch keine Wahl:
Zum Schluß kommt Null heraus.

Erich Kästner



Wisst ihr, warum mir diese Gedichte gefallen? Sie haben etwas Lebendiges, etwas Wahres, was auch im eigenen Leben passierte oder einer Fragestellung wert war.


Kommentare:

  1. Liebe Margot, schön dass Du Erich mal hervor geholt hast. Er gefällt mir sehr gut mit seinen Gedichten in denen die Wahrheit steckt, LG ClauDia.

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    1. Liebe Claudia, vielen Dank für deine Worte, die mir sehr gefallen. Ja, in seinen Worten steckt wirklich viel Wahrheit und ich freue mich darüber.
      Dir wünsche ich einen schönen Tag. Liebe Grüße, Margot.

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  2. Hallo Margot,

    ich mag solche Gedichte in Reimform auch sehr gerne,
    es hat oft so etwas "erheiterndes" - nun, natürlich nicht immer

    Liebe Grüße
    Björn :)

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    1. Lieber Björn, da gebe ich dir vollkommen recht. Sie sind, trotz ihrer zeitweiligen Traurigkeit, heiter. Was mir sehr gefällt ...

      Liebe Grüße, Margot.

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