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Donnerstag, 11. Dezember 2014

Christkindl Ahnung

Heute herrscht Regenwetter, es weht ein leichter Wind, ich sitze in der warmen Stube und lese am Computer Kurzgeschichten. Eigentlich müsste ich zum Einkauf, möchte Süßigkeiten, worauf ich schon einige Tage Appetit habe, doch mein Blick aus dem Fenster sagt, ach Nein, kannst du auch morgen machen. Und so habe ich mich schnell überredet, es ist gerade in der Stube so anheimelnd ... und die nachfolgende Geschichte von Ludwig Thoma so schön.


Christkindl Ahnung im Advent

Erleben eigentlich Stadtkinder Weihnachtsfreuden? Erlebt man sie heute noch? Ich will es allen wünschen, aber ich kann es nicht glauben, daß das Fest in der Stadt mit ihren Straßen und engen Gassen das sein kann, was es uns Kindern im Walde gewesen ist.

Der erste Schnee erregte schon liebliche Ahnungen, die bald verstärkt wurden, wenn es im Haus nach Pfeffernüssen, Makronen und Kaffeekuchen zu riechen begann, wenn am langen Tische der Herr Oberförster und seine Jäger mit den Marzipanmodeln ganz zahme, häusliche Dinge verrichteten, wenn an den langen Abenden sich das wohlige Gefühl der Zusammengehörigkeit auf dieser Insel, die Tag und Tag stiller wurde, verbreitete.

In der Stadt kam das Christkind nur einmal, aber in der Riß wurde es schon Wochen vorher im Walde gesehen, bald kam der, bald jener Jagdgehilfe mit der Meldung herein, daß er es auf der Jachenauer Seite oder hinter Ochsensitzer habe fliegen sehen. In klaren Nächten musste man bloß vor die Türe gehen, dann hörte man vom Walde herüber ein feines Klingeln und sah in den Büschen ein Licht aufblitzen. Da röteten sich die Backen vor Aufregung, und die Augen blitzten vor freudiger Erwartung.

Je näher aber der Heilige Abend kam desto näher kam auch das Christkind ans Haus, ein Licht huschte an den Fenstern des Schlafzimmers vorüber, und es klang wie von leise gerüttelten Schlittenschellen. Da setzten wir uns in den Betten auf und schauten sehnsüchtig ins Dunkel hinaus; die großen Kinder aber, die unten standen und auf eine Stange Lichter befestigt hatten, der Jagdgehilfe Bauer und sein Oberförster, freuten sich kaum weniger.

Es gab natürlich in den kleinen Verhältnissen kein Übermaß an Geschenken, aber was gegeben wurde, war mit aufmerksamer Beachtung eines Wunsches gewählt und erregte Freude. Als meine Mutter an einem Morgen nach der Bescherung ins Zimmer trat, wo der Christbaum stand, sah sie mich stolz mit meinem Säbel herumspazieren, aber ebenso frohbewegt schritt mein Vater im Hemde auf und ab und hatte den neuen Werderstutzen umgehängt, den ihm das Christkind gebracht hatte.

Wenn der Weg offen war, fuhren meine Eltern nach den Feiertagen auf kurze Zeit zu den Verwandten nach Ammergau. Ich mag an die fünf Jahre gewesen sein, als ich zum ersten Male mitkommen durfte, und wie der Schlitten die Höhe oberhalb Wallgau erreichte, von wo sich aus der Blick auf das Dorf öffnete, war ich außer mir vor Erstaunen über die vielen Häuser, die Dach an Dach nebeneinander standen. Für mich hatte es bis dahin bloß drei Häuser in der Welt gegeben.

von Ludwig Thoma (1867-1921)

So, nun warte ich auch auf das Christkind, vielleicht, wenn ich gut aufpasse, fliegt es an meinem Balkonfenster vorbei und ich trete in ein Land der Kindheit ein. Es wäre wunderschön ...



Herzlichst Margot

Kommentare:

  1. Liebe Margot,
    ich wünsche dir, dass es an deinem Fenster vorbeifliegt und dich mitnimmt ins Land der Weihnachtsfreude ...
    Die Geschichte ist wunderschön, wir lesen sie seit Jahren an den Adventsnachmittagen vor.
    Liebe Grüße
    Regina

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    1. Guten Morgen liebe Regina und ein herzliches Dankeschön. Vielen Dank für deinen lieben Wunsch. :-))
      Schön, dass dir die Geschichte gefällt, auch wenn du sie schon kennst. :-)
      Wünsche dir noch einen schönen Tag. Liebe Grüße, Margot.

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  2. Ich glaube, es flog schon durch unsere Straße ;) bestimmt kommt es auch bei Dir vorbei. Eine schöne Geschichte. Genau das Richtige bei diesem heftigen Herbstwetter. LG Eva

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    1. Liebe Eva, ich freue mich, dass du es schon gesehen hast. Es zeigt, auch du hast deine Kinderseele behalten. :-))
      Danke und noch eine schöne Woche. Liebe Grüße, Margot.

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