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Donnerstag, 15. Oktober 2015

Das Testament des Adlers

Wenn das Wetter so wie heute ist, voller Regen, ein dunkler Himmel, traurige Blätter, die sich durch den Regen tropfnass hängen lassen, dann möchte ich, nur gedanklich, in die Welt hinaus. Wirklich nur gedanklich, denn ich bin kein forscher Typ, der seine Gedanken auch umsetzt. Es ist mir alles zu gefährlich, ich lasse deshalb nur meine Gedanken wandern. Jetzt wandern sie zu Leonardo da Vinci und seinen Träumen, die er in Fabeln festhielt. Diese Fabeln gefallen mir und ich erzähle sie euch ... so nach und nach.


Das Testament des Adlers
Eine Fabel von Leonardo da Vinci


Ein alter königlicher Adler, der seit vielen Jahren einsam über einer sehr
hohen Felswand lebte, fühlte die Stunde seines Todes nahen. Mit
mächtigem Schrei rief er seine Söhne, die auf den umliegenden Felsen
hausten, und als alle um ihn versammelt waren, sah er einen um den
anderen an und sagte: "Ich habe euch genährt und aufgezogen, dass ihr
bis zum Jüngsten fähig sei, in die Sonne zu blicken. Ich habe Hungers
sterben lassen eure Brüder, die ihren Anblick nicht ertrugen.
Deshalb seid ihr würdig, höher hinaufzufliegen als alle Vögel. Wer nicht
sterben möchte, möge sich nie eurem Nest nahen! Alle die Tiere müssen
euch fürchten; doch ihr werdet keinem Übles tun, der euch Ehre erweist, sondern ihm die Reste eurer Beute lassen. Jetzt stehe ich im Begriff, euch zu verlassen; aber ich werde nicht hier in meinem Nest sterben. Ich werde in die Höhe fliegen, so weit mich meine Flügel tragen. Ich werde mich gegen die Sonne bewegen, als müsste ich zu ihr gelangen. Ihre entflammten Strahlen werden meine alten Federn verbrennen, und ich werde niederstürzen und ins Meer fallen.
Aber aus diesem Wasser werde ich durch ein Wunder ein zweites Mal geboren, verjüngt und gewillt, ein neues Dasein zu beginnen. So ist die Natur der Adler, so ist unsere Bestimmung."
Nach diesen Worten erhob sich der königliche Adler zum Flug. Majestätisch und feierlich zog er einen Kreis um den Felsen, wo seine Söhne verharrten; darauf strebte er steil in die Höhe, um in der Sonne seine nimmermüden Flügel zu verbrennen.


Das Papier und die Tinte
Eine Fabel von Leonardo da Vinci

Ein Blatt Papier, das zusammen mit anderen, ihm ähnlichen Blättern auf einem Schreibtisch lag, sah sich eines Tages mit Zeichen bedeckt. Eine Feder, in schwärzester Tinte gebadet, hatte es mit vielen Wörtern und Zeichen übersät.

"Konntest du mir diese Erniedrigung nicht ersparen?" sagte das Blatt erzürnt zur Tinte.
"Du hast mich besudelt mit deiner höllischen Schwärze und für immer ruiniert!"

"Warte ab", antwortete die Tinte. "Ich habe dich nicht besudelt, sondern dich
mit Sinnbildern versehen. Jetzt bist du kein Blatt Papier mehr, sondern eine Botschaft. Du bewahrst den Gedanken des Menschen und bist somit ein kostbares Instrument geworden."

Und in der Tat: Bald darauf machte jemand Ordnung auf dem Schreibtisch, sah die verstreuten Blätter und wollte sie ins Feuer werfen. Unversehens kam ihm das "besudelte" Blatt in die Hand, und er schied es von den anderen und legte es zurück auf seinen Platz, weil es unübersehbar die Botschaft der menschlichen Intelligenz trug.




Kommentare:

  1. Liebe Margot,
    die letzte Geschichte hat es mir angetan, denn ich finde von unbeschriebenen Blättern geht ein Reiz aus. Sie wollen und müssen in meinen Augen bschrieben werden. Ich liebe es ein neues und leeres Notizbuch vor mir liegen zu haben und es nach und nach mit meinen Gedanken zu füllen.
    LG
    Astrid

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    1. Liebe Astrid, danke für deine liebe Zeilen. Ich mag auch Papier und Kugelschreiber, auch wenn ich manchmal nicht weiß, was ich schreiben
      soll. Schreibwaren reizen mich einfach und so kaufe ich Block und
      Stift. :-)

      Herzliche Grüße, Margot.

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  2. Hallo Margot,

    das Testament des Adlers hat mir gefallen und es hat genau gepasst, wo ich gerade vom Ableben einer Bloggerkollegin lesen musste.

    Liebe Grüße und noch einen angenehmen Abend wünsche ich Dir
    Björn :)

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    1. Lieber Björn, es ist schön, dass dir diese Fabel gefallen hat, aber ich finde es bedauerlich, dass eine Bloggerin für immer gehen musste. Meine herzlichste Anteilnahme, auch wenn ich sie nicht kenne.
      Liebe Grüße, Margot.

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  3. Liebe Margot,
    wieder zwei wundervolle Fabeln. Ich habe mir die Zeit genommen und sehr
    viel bei dir nachgelesen. Es wäre zu schade, wenn man etwas versäumt.
    Liebe Abendgrüße schickt dir
    Irmi

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    1. Liebe Irmi, ich freue mich sehr etwas von dir zu hören, so merke ich, es geht dir etwas besser. Was mich besonders freut, dass du gerne bei mir liest.
      Hab vielen Dank, ich wünsche dir weiterhin alles Liebe und Gute.
      Ganz liebe Grüße, Margot.

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