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Mittwoch, 27. Mai 2015

Der beste Tee - eine Geschichte

Mein Blick aus dem Fenster zeigt mir einen etwas kühlen Tag an. Der Wind weht und lässt die Temperatur nicht über 16° steigen. Somit ist es für mich ein besinnlicher Tag, ich denke an eine Kurzgeschichte, die ich auch schon erlebt habe, wenn auch nicht in Japan mit Herren. 
Bleiben wir bei der Tee-Zubereitung, trinke ich täglich Tee, Beutel in die Tasse, Wasser drüber, fertig. So schmeckt er auch ... alltäglich. Doch wenn ich Tee in einer Zeremonie zubereite, mit schönem Teegeschirr, Servietten und Beiwerk, habe ich ein Hochgefühl und sehne mich nicht nach einer anderen Teesorte, es ist für mich, Genuss pur. Was sehr wichtig ist ... Zeit, Zeit zu haben um zu genießen.




Der beste Tee

Es war eine Gruppe älterer Herren in Japan. Die Männer trafen sich regelmäßig, um untereinander Neuigkeiten auszutauschen und vor allem um gemeinsam eine gute Tasse Tee zu trinken. Sie hatten alle große Freude daran, besonders teure Teesorten ausfindig zu machen und neue Mischungen zu kreieren, die ihrem Gaumen schmeichelten. Als das älteste Mitglied der Gruppe an der Reihe war, die anderen zu bewirten, servierte er den Tee mit der ausgesuchtesten Zeremonie und verteilte die Teeblätter aus einem goldenen Gefäß. Alle Männer waren voll es Lobes und wollten wissen, wie er diese hervorragende Mischung zusammengestellt hatte. Der alte Mann lächelte und sagte: "Meine Herren, den Tee, den Sie so köstlich finden, trinken die Bauern auf meiner Farm. Die besten Dinge im Leben sind oft weder teuer noch schwer zu finden."

nach Anthony de Mello


Noch eine kleine Geschichte über eine Teekanne möchte ich aufschreiben ...


Hans Christian Andersen: Die Teekanne



Es war einmal eine stolze Teekanne, stolz auf ihr Porzellan, stolz auf ihre lange Tülle, stolz auf ihren breiten Henkel; sie hatte vorn etwas und hinten etwas, die Tülle vorn, den Henkel hinten, und davon sprach sie gern; von ihrem Deckel aber sprach sie nicht, er war zerbrochen, er war geleimt, er hatte Mängel, und von seinen Mängeln spricht man nicht gern, das tun die andern schon genug. Tassen, Sahnetopf und Zuckerschale, das ganze Teegeschirr, würde wohl mehr an die Gebrechlichkeit des Deckels denken und davon sprechen als von dem guten Henkel und der ausgezeichneten Tülle; das wußte die Teekanne. 
"Ich kenne sie!" sprach sie bei sich selbst, "ich kenne auch die Mängel und erkenne sie, und darin liegt meine Demut, meine Bescheidenheit; Mängel haben wir alle, aber man hat doch auch seine Begabung. Die Tassen bekamen einen Henkel, die Zuckerschale einen Deckel, ich bekam beides und vorn noch etwas dazu, was sie niemals bekommen, ich bekam eine Tülle, die mich zur Königin auf dem Teetisch macht. Der Zuckerschale und dem Sahnetopf wurde es vergönnt, Diener des Wohlgeschmacks zu sein, ich aber bin die Gebende, die Herrschende, ich spende Segen der durstenden Menschheit; in meinem Innern werden die chinesischen Blätter in dem kochenden, geschmacklosen Wasser verarbeitet." 

All dies sagte die Teekanne in ihrer unbekümmerten Jugendzeit. Sie stand auf dem gedeckten Tisch, sie wurde von der feinsten Hand erhoben; aber die feinste Hand war ungeschickt, die Teekanne fiel, die Tülle brach ab, der Henkel brach ab, der Deckel war nicht der Rede wert, von ihm ist schon genug geredet worden. Die Teekanne lag ohnmächtig auf dem Fußboden, das kochende Wasser lief heraus. Es war ein schwerer Schlag, den sie erlitten hatte, und das schlimmste war, daß alle lachten, über sie lachten und nicht die ungeschickte Hand. 


   "Von dieser Erinnerung werde ich niemals loskommen!" sagte 
die Teekanne, wenn sie sich später selbst ihren Lebenslauf erzählte. "Ich wurde Invalide genannt, in einen Winkel gesetzt und am nächsten Tag einer Frau geschenkt, die um etwas Bratfett bettelte; ich stieg zur Armut herab, war innerlich und äußerlich verstummt, aber dort, wo ich stand, begann mein besseres Leben; man ist etwas und wird doch etwas ganz anderes. Man legte Erde in mich hinein; das ist für eine Teekanne, als würde sie begraben, aber in die Erde legte man eine Blumenzwiebel; wer sie hineinlegte, wer sie mit gab, weiß ich nicht, aber geschenkt wurde sie mir, ein Ersatz für die chinesischen Blätter und das kochende Wasser, ein Ersatz für den abgebrochenen Henkel und die Tülle. Und die Zwiebel lag in der Erde, die Zwiebel lag in mir, sie wurde mein Herz, mein lebendiges Herz, ein solches hatte ich nie zuvor gehabt. Nun war Leben in mir, Kraft und Kräfte; der Puls schlug, die Zwiebel keimte, sie wurde von Gedanken und Gefühlen gesprengt; sie brachen in einer Blume hervor; ich sah sie, ich trug sie, ich vergaß mich selbst in ihrer Schönheit; gesegnet der, der sich selbst in anderen vergißt! Sie sagte mir keinen Dank, sie dachte an mich - sie wurde bewundert und gepriesen. Ich war so froh darüber, wie hätte sie es erst sein müssen! Eines Tages hörte ich, wie man sagte, daß sie einen besseren Topf verdiene - und ich wurde in den Hof geworfen, liege dort als alter Scherben - aber ich habe die Erinnerung, die kann mir niemand nehmen!"


Herzlichst Margot

Kommentare:

  1. Liebe Margot,
    ich als Teetrinkerin habe mich natürlich gleich in Deine Texte vertieft und sie in vollen Zügen genossen. Auch werde ich mir jetzt noch eine Tasse Tee zubereiten. Ich habe viele verschiedene Teekannen und auch Teetassen. Wo immer ich bin, ich halte nach diesen Kannen und Tassen Ausschau.
    LG
    Astrid

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    1. Liebe Astrid es ist schön, dass dir mein Geschriebenes gefällt. Als ich diese Zeilen aufschrieb habe ich an dich, als Teetrinkerin, gedacht. Tee trinken, in der Atmosphäre wie ich sie beschrieben habe, ist voller Harmonie. Einfach schön.
      Wünsche dir einen schönen Tag, mit oder ohne Tee, doch ohne wird es bei dir nicht gehen. :-)
      Herzliche Grüße, Margot.

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  2. Ich finde dieses zelebrieren und genießen immer so wunderbar bei Teetrinkern. Auch gibt es so herrliches Geschirr dafür. Aber ich habe es schon oft probiert... ich mag einfach keinen Tee. Sie riechen immer so wundervoll, aber wenn ich dann mal einen probiere, schmeckt er mir einfach nicht.

    Aber ich finde es schön, dass Du ihn magst, Margot.
    Ich kann durchaus nach empfinden, welchen Genuss er für Dich bedeutet.
    Und ein bisschen zelebriere ich ja mit meinem Latte Macciato und meiner Schokomolke auch diesen Genuss. Nur nicht so edel, wie er beim Teeambiente eben ist.

    Liebe Grüße
    Sonja

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    1. Hallo Sonja, die Zeremonie ist am Schönsten beim Teetrinken. Sie entspannt und gibt Ruhe. Ich mache nicht jeden Tag diese Zeremonie und deshalb schmeckt mir, an diesen Tagen, der Tee besonders gut. Täglich, meistens am Abend, trinke ich schwarzen Tee mit Zitrone, ein wenig gesüßt.
      Es freut mich, dass du dir mit Latte Macciato auch einen Genuss verschaffst.
      Wünsche dir einen schönen Tag und sende liebe Grüße, herzlichst Margot.

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  3. Hallo Margot,

    mir gefällt die Geschichte mit der Teekanne :)

    Selbst trinke ich so jeden zweiten Tag einen Tee, aber so ganz mein Lieblingsgetränk ist er wohl nie, aber ich mag die alten Kannen und das Porzellan und bin der Ansicht viel zu viel davon wurde in den letzten Jahren weggeworfen und durch schlichte Keramik ersetzt ;)

    Liebe Grüße
    Björn :)

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    1. Hallo Björn,
      da gebe ich dir recht, je einfacher das Porzellan heutzutage ist, umso teurer ist es. Ich mag auch das verschnörkelte, altmodische Porzellan, es hat Charakter. Es ist einfach schön, es anzusehen, da muss ich nur an die Sammeltassen denken. Wo sind sie geblieben?
      Du, trinke so viel Tee wie du möchtest. :-)
      Einen schönen Tag wünsche ich dir und vielen Dank, herzlichst Margot.

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  4. Liebe Margot,
    es ist immer eine Bereicherung, deinen Post zu lesen.
    Es war wieder herrlich, hier zu verweilen.
    Liebe Grüße schickt Dir
    Irmi

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    1. Liebe Irmi,
      es ist schön zu lesen, dass du gerne hier bist. Ich bin auch gerne auf deiner Seite, hier erfahre ich immer viel Wissenswertes. Vielen Dank.
      Liebe Grüße, Margot.

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