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Dienstag, 1. September 2015

Es schreibt der Bär ...

Bei diesem schönen Wetter habe ich meine Blumen gegossen und Geschichten gelesen. Geschichten aus dem Leben und ich bin auf Feierabend. de, gelandet. Hier hat ein netter Herr, genannt Baer 36, eine Geschichte erzählt, über die auch ich schmunzeln kann. So ändern sich die Zeiten und die Sprache ... er schreibt unter nachfolgendem Titel und ich finde es schön. Danke, lieber Bär.











Von Toll zu Geil

Die kleine Anna, 3 Jahre jung, war im letzten November abends, mit ihrer Mutter beim Martinszug. Das hatte sie noch nie erlebt. Die vielen Kinder mit den schönen, bunten Fackeln und Lichtern, wie sie die alten Lieder sangen. Sie war begeistert. Und dann, kam endlich St. Martin. Hoch auf seinem großen Pferd, mit dem weiten Mantel und dem Schwert. Und da musste die Begeisterung einfach raus aus ihrem kleinen Bauch. Und sie rief laut: „Is ja geil“.

Ihre Mutter reagierte ganz konsterniert. Hoffentlich hatte das keiner gehört. „So, kannst du das doch nicht sagen, Anna“. „Was soll ich denn sagen, Mama?“ „Sag doch: Das ist toll“. Die Kleine scherte sich nicht darum. Sie war ganz einfach in ihrer natürlichen Unbekümmertheit begeistert. Sie lächelte, sah zur Mutter, dann zum Martin und wieder zur Mutter. Und dann rief sie noch lauter, ganz glücklich: „Ist toll geil“.

Ich glaube, Kinder sind doch die besten Lehrmeister. Bis wir sie dann zu „anständigen“ Menschen“ erziehen. Und anständig heißt wohl, die überlieferten Normen unserer Gesellschaft einfach zu erfüllen. Ohne dabei zu fragen: Wieso? Warum? Und diejenigen, die nicht ‚wieso’ oder ‚warum’ fragen, die können auch nicht "geil" sagen. 
Er - z i e h e n heißt wohl so viel, oder so wenig wie: Hinziehen, gegebenenfalls sogar mit Gewalt. Zu dem, was der wahren Natürlichkeit des Menschen oft gar nicht entspricht. Und die Ergebnisse dieses „Hinziehens“ müssen dann später zum Therapeuten. Damit das gewaltsame Wegziehen von natürlicher Unbekümmertheit wieder repariert wird. Weil die Menschen oft nur wenig natürlich sein können.

Vielleicht ist da die junge Generation von heute schon etwas weiter. Denn die können schon, ohne Beklemmung, einfach "geil" sagen.
Ein Mann aus der Generation der heute 60-Jährigen kann sich noch gut daran erinnern, dass in seiner Jugend die Vokabel "geil" allenfalls hinter der vorgehaltenen Hand, entweder schmutzig anregend oder enorm verabscheuungswürdig, geflüstert wurde. Damals hätte man auch gar nicht gewusst, schreibt man das nun mit e-i oder mit a-i. Danach hätte man niemanden fragen können, damals. Heute steht es im Duden. Und dahinter in Klammern: Jugendsprache, auch für: toll, großartig.

Die damaligen Teenager, zu ihrer Zeit noch Backfische genannt, wären nur beim Denken dieses unaussprechlichen Wortes ganz rot geworden. Ein so dunkles Rot gibt es heute nicht meh
r.
Ich sprach darüber mit einer Dame aus der Generation der Großmütter von Annas Mutter. Und die meinte, dass in ihrer Jugend psychatrisch Erkrankte "toll" genannt wurden. Welch einem Wandel doch unsere Sprache unterliegt. Und unser Denken.

Und da muss erst die kleine Anna kommen, mit ihrem: Toll geil, bis ich das merke und mich darüber freue.

Ist das nicht geil?

Zu dieser Geschichte, oder besser gesagt zu ihrem Inhalt, muss ich sagen, ich mag auch zur heutigen Zeit das Wort "Geil" nicht. Weil es in meiner Jugendzeit kein gutes Wort war und ich mich schäme, es auszusprechen.


Kommentare:

  1. Liebe Margot,
    sicher ich würde dem Kind auch andere Wörter vorschlagen, aber man sollte auch folgendes bedenken: Die Sprache lebt genauso wie wir Menschen, denn sie gehört zum Menschen, sie ist seine Ausdrucksweise. So wie der Mensch sich verändert, so verändert sich auch die Sprache. Manche Wörter empfinden gerade Kinder toll, weil sie sie irgendwo aufgeschnappt haben, das sind oftmals solche, die die Eltern nicht gerne hören. Im Laufe der Zeit verliert sich das wieder. Und manche verändern auch ihre Bedeutung. Wichtig ist der Mensch selbst, dass aus so einem kleinen Menschen ein vernünftiger, verantwortungsbewusster und friedfertiger Erwachsener wird. Dabei müssen wir unseren Kindern helfen.
    LG
    Astrid

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    1. Liebe Astrid, deine Worte sind sehr gut formuliert und wahr. Die Sprache ist auch meine Ausdrucksweise, und ich mag dieses Wort "Geil" einfach nicht. So wie ich auch englische Worte in der Deutschen Werbung nicht mag. Es bedeutet nicht, dass ich diese Sachen im Allgemeinen nicht mag und die jungen Menschen sollen sprechen, wie sie es mögen. Dein letzter Satz gefällt mir am Besten. "Wichtig ist der Mensch selbst, dass aus so einem kleinen Menschen ein vernünftiger, verantwortungsbewusster und friedfertiger Erwachsener wird. Dabei müssen wir unseren Kindern helfen."
      Danke liebe Astrid und einen schönen Tag. Liebe Grüße, Margot.

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