
Der hochmütige Geier

Er hatte ein krankes Tier entdeckt, und als dieses in der Hitze zusammenbrach, flog er herab, setzte sich ruhig in die Nähe des sterbenden Tieres und wartete geduldig, bis es kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Erst als er ganz sicher war, dass das Tier nicht mehr lebte, stillte er seinen Hunger.
Danach flog der Geier zum Fluss, um sich gründlich zu reinigen, denn er ist ein sehr sauberes Tier. Und nach dem erfrischenden Bad stolzierte er am Flussufer entlang und unterhielt sich angeregt mit einer Ente. Dabei fiel zufällig sein Blick ins klare Wasser.
Entsetzt flog der Geier in die Luft, kehrte aber sofort wieder zum Fluss zurück. Er musste wissen, ob das wirklich sein Spiegelbild gewesen war, was ihm eben so grässlich aus den Wellen entgegengelacht hatte.

Der Geier schämte sich sehr und flog zu einer fernen Felshöhle, um sich dort vor den Augen der anderen Tiere zu verbergen. Er jammerte und haderte mit seinem Schicksal. »Warum muss gerade ich so hässlich sein?« klagte er. »Selbst die Enten und die Gänse haben einen hübschen Kopf. Warum bin ausgerechnet ich nicht schön!« Bekümmert aß er keinen Bissen mehr und ließ sich auch von niemanden trösten. Er wäre in seiner Höhle elend verhungert, wenn die anderen Vögel nicht Mitleid mit ihm gehabt hätten.
Der königliche Adler ließ alle Vögel zu sich rufen und sprach: »Wir müssen unserem Freund helfen. jeder von uns reiße sich eine schöne Feder aus und bringe sie ihm! Dann kann der Geier seinen Kopf und seinen Hals bedecken und muss sich nicht länger vor uns schämen.«
Alle Vögel waren mit dem Vorschlag einverstanden und flogen mit einer Feder zu ihrem unglücklichen Freund. Bald war dieser mit den glänzendsten Federn überhäuft. Und nicht nur der Kopf und der Hals erstrahlten unter dem neuen Kleid, nein, er hatte auch noch genug Federn, um seinen ganzen Körper zu schmücken. Überglücklich trat der Geier wieder in das Sonnenlicht und ließ sich von seinen Freunden unter lautem Jubel zum Fluss führen. Jetzt konnte er sich an seinem Spiegelbild nicht satt genug sehen. Immer wieder drehte er und wendete er sich und starrte voller Stolz ins Wasser. Er hatte das prachtvollste Gefieder von allen Vögeln.

Von morgens bis abends flog er laut geifernd umher und wollte von allen bewundert werden. Unaufhörlich gab er mit seiner Schönheit an. »Kein Wunder, dass du nicht fliegen kannst! Mit deinem dürftigen Federkleid kommst du nicht eine Buschhöhe über das Wasser hinaus!« zischte der Geier abfällig der Ente auf dem Fluss zu. »Schau mich an, wie reich ich bin!« Der Geier plusterte sich auf, schwang angeberisch seine Flügel und schwebte eingebildet davon.
Eines Morgens verkündete er allen Vögel: »Ich bin der stattlichste Vogel unter euch. Darum werde ich ab heute Euer König sein. jeder muss mich verehren und mir gehorchen.«
Jetzt riss den Vögeln die Geduld. Laut zeternd eilten sie zum Adler und beschwerten sich über den aufgeblasenen, unverschämten Geier. Da wurde der Adler zornig: »Dieser undankbare Wicht verdient nicht unser Mitleid. Stürzt euch alle auf ihn und nehmt ihm eure Federn wieder ab!«
Die Vögel ließen sich das nicht zweimal sagen. Sie fielen über ihn her, zupften und rissen an seinem Gefieder, das auch manche Feder zu Boden flatterte und vernichtet wurde, die dem Geier selbst gehört hatte.
Gerupft und hässlicher als zuvor stand der Geier da. Die große Feder von seinem Kopf und auch die wenigen kleinen Federn von seinem Hals waren der Abrechnung zum Opfer gefallen.
Seit dieser Zeit sind Kopf und Hals des Geiers ohne Federn, und er ist ein zanksüchtiger Vogel geworden, der niemanden in seiner Nähe duldet.
Ich frage mich, wer möchte so einen "Vogel" in seiner Nähe haben? Nein, ich nicht, und ihr bestimmt auch nicht.
Ich habe diese ganz schön lange :-) Geschichte wirklich vollständig gelesen. Sie hat mir gut gefallen. Das hat er nun davon, der Geier, er ist hässlicher als je zuvor. Wenn ich mich so umsehe...., also ich will mal lieber still sein. Noch bin ich ganz ansehnlich, finde ich, aber wenn ich über andere laut sprechen würde, wer weiß :-) , LG Margot.
AntwortenLöschenDanke liebe Claudia für deinen amüsanten Kommentar. Er gefällt mir ... :-))
LöschenNein, du musst nicht still sein.
Einen schönen Tag und liebe Grüße, Margot.