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Sonntag, 15. Mai 2016

Ein teurer Kopf und ein wohlfeiler ...

An Feiertagen hat man meistens Zeit zu relaxen und Geschichten zu lesen. Wenn es auch noch kalt ist wie heute und man bleibt im Haus, umso besser. Es muss nicht stimmen, nur meine Gedanken sind so. Deshalb wieder ein paar Geschichten.





Ein teurer Kopf und ein wohlfeiler

J. P. Hebel

Als der letzte König von Polen noch regierte, entstand gegen ihn eine Empörung, was nichts Seltenes war. Einer von den Rebellen, und zwar ein polnischer Fürst, vergaß sich so sehr, daß er einen Preis von 20 000 Gulden auf den Kopf des Königs setzte. Ja, er war frech genug, es dem König selber zu schreiben, entweder, um ihn zu betrüben oder zu erschrecken. Der König aber schrieb ihm gang kaltblütig zur Antwort: »Euren Brief habe ich empfangen und gelesen. Es hat mir einiges Vergnügen gemacht, daß mein Kopf bei Euch noch etwas gilt. Denn ich kann Euch versichern, für den Eurigen gäb' ich keinen roten Heller.«


Der Pfarrer und der Regen

Volkstümlich

In einem Dorfe begehrten die Bauern von ihrem Pfarrer, daß er ihnen einen Regen von Gott zuwege bringen sollte, weil er ihnen in der Predigt gesagt, daß der Glaub' alles vermöge. Er gab ihnen zur Antwort, er sei ein Pfarrer für alle, und nicht für etliche allein; sie sollten deswegen zusammen kommen. Als dies geschehen, fragte er einen jeden insbesondere, was er für ein Wetter begehrte. Da begehrte einer Regen, der andere schön Wetter, ein dritter halb Sonnenschein und halb Regen; und ein vierter, der nichts im Haus und wenig im Felde hatte, sagte aus Verdruß, er wolle gar kein Wetter. Da antwortete der Pfarrer: »Da ihr euch wegen des Wetters nicht eins werden könnt, so kann ich euch von Gott auch nichts zuwege bringen.«


Das betrogene Dorf

Volkstümlich

Die Bauern von Nieder-Quassow wollten doch auch einmal ein richtiges Theaterstück sehen, wie die reichen Leute in der Stadt. Als daher eines Tages ein Kerl mit einer bunten Schellenkappe auf dem Kopf durch das Dorf klingelte und ausrief, daß nachmittags um die und die Stunde in Buhlemanns großer Scheune werde ein erschrecklich lustiges Stück aufgeführt werden, »Das betrogene Dorf«, da lief, als es dunkel wurde, alles, was Beine hatte, hin, und die alte Mutter Ziegenthee nahm sich ihren Melkstuhl mit, weil sie das Zittern in den Knien hatte. Vor dem Tor der Scheune stand der Schellenmann und forderte das Geld ein, für den ersten Platz mehr, für den zweiten weniger, Kinder und Soldaten die Hälfte, es war aber keine Einquartierung im Dorf. Als nun das ganze Dorf versammelt war, bloß der lahme Jochem fehlte noch, wohl, weil er nicht so schnell heranhumpeln konnte, da rief der Schellenmann, er wolle nun rasch hinter den Vorhang springen und sich zu dem Stück umziehen, eine Viertelstunde werde es wohl dauern. So saßen die Bauern leise und laut vor dem Vorhang, den der Fremde aus sechsen von Buhlemanns Laken zusammengenäht hatte. Es dauerte zehn Minuten, es dauerte auch zwanzig, da kam endlich auch der lahme Jochem, der hatte durchs Fenster steigen müssen, weil seine Frau ihn in der Eile eingeschlossen hatte. Der Jochem fragte: »Ist das Stück noch nicht im Gang?« Die Bauern sagten: »Der Mann mit der Klingel meinte, es dauere eine Viertelstunde.« »Ja, hat er denn noch nicht aufgezogen?« fragte Jochem griemelnd weiter. »Nein!« sagten die Bauern. »Ich glaube,« fuhr Jochem fort, »er hat schon längst aufgezogen, nicht den Vorhang, sondern das ganze Dorf, und Ihr habt alle mitgespielt in dem Stück, worüber Ihr Euch so sehr verwundern wolltet!« »Wieso?« fragten die Bauern. »Ja, ich meine, der Kerl ist längst über alle Berge!« Da sprangen die Quassower hinter den Vorhang, da war es leer, aber die Hintertür stand ein wenig auf, und auf dem Boden lag die Schüssel, die der Schellenmann Buhlemann entliehen und wenigstens nicht mitgenommen hatte.
Herzlichst Margot   

Samstag, 14. Mai 2016

Pfingstfest ... ein fauler Tag.

Nun habe ich mir überlegt, schreibe ich eine Geschichte auf oder lasse ich mich heute einfach fallen. Einfach faul sein und mich hängen lassen. Ja, dies gefällt mir, ich bin faul aber schreibe vorher doch noch ein paar nette Geschichten auf.


Der Pfarrer und der Regen

Volkstümlich

In einem Dorfe begehrten die Bauern von ihrem Pfarrer, daß er ihnen einen Regen von Gott zuwege bringen sollte, weil er ihnen in der Predigt gesagt, daß der Glaub' alles vermöge. Er gab ihnen zur Antwort, er sei ein Pfarrer für alle, und nicht für etliche allein; sie sollten deswegen zusammen kommen. Als dies geschehen, fragte er einen jeden insbesondere, was er für ein Wetter begehrte. Da begehrte einer Regen, der andere schön Wetter, ein dritter halb Sonnenschein und halb Regen; und ein vierter, der nichts im Haus und wenig im Felde hatte, sagte aus Verdruß, er wolle gar kein Wetter. Da antwortete der Pfarrer: »Da ihr euch wegen des Wetters nicht eins werden könnt, so kann ich euch von Gott auch nichts zuwege bringen.«

Die größte Sparsamkeit

Volkstümlich


Es waren einmal zwei Freunde, die trieben den Geiz und die Sparsamkeit gleichsam als Lebensberuf und Hauptamt und setzten eine besondere Ehre darein, sich, wie und wo sie nur konnten, gegenseitig in der schönen Kunst der

Pfennigsammelei zu übertreffen. Als sie nun eines Abends in vertraulicher Unterhaltung zusammensaßen, stand der eine auf und löschte das Licht. »Was fällt dir ein?« fragte der andre. »Um sich bloß zu unterhalten, braucht man kein Licht. Das kann man sparen«, war die Antwort. Nun saßen also die beiden im Stockfinstern, ließen sich aber dadurch in ihrem Geplauder nicht stören. Auf einmal hörte derjenige, welcher soeben das Licht gelöscht hatte, ein eigentümliches Geknister, das er sich nicht zu erklären vermochte. »Was machst du da?« fragte er den andern. »Och,« versetzte dieser, »es ist ja dunkel, drum streife ich bloß meine Hosen herunter, damit sie nicht verschleißen.«


Die betrogenen Zecher

J. P. Hebel

Zwei Zechbrüder besuchten oft, eine Stunde weit, einen Freund aufs Mittagessen, weil er guten Neuen hatte und nicht geizig damit war. An seinem Geburtstage, als sie wiederkamen, hatte jeder vorher einen Hering gegessen, wegen dem Durst, und schwitzten Tropfen wie Haselnüsse; denn es war am 8. August, Zyriak hieß er, da dachte der Herr Zyriak: »Ich will doch einmal sehen, ob ich der gute Freund bin, oder mein Wein.« Also nahm er den einen vor dem Essen auf die Seite und sagte: »Gevatter, tut mir den Gefallen, und helft mir den Apotheker (das war der andere) unter den Tisch trinken. Wir wollen gelbgefärbtes Wasser trinken, und Ihr müßt fleißig mit ihm anstoßen auf den Zyriak, immer einen Ganzen!« Das war dem Gevatter recht. Drauf nahm er den Apotheker auf die Seite und sagte: »Helft mir heute meinen Gevattermann zudecken!« und tat ihm den nämlichen Vorschlag. Dem Apotheker war's auch recht, und jeder dachte, das gibt einen Spaß. Also tranken sie miteinander sieben Maß Wasser, Durlacher Eich, über der Mahlzeit und noch drei Maß stehenden Fußes auf viel nachfolgende. Als er ihnen die vierte einschenken wollte, sagte der Gevattersmann: »Ich kann nimmer, er ist mir zu stark!« Der Apotheker sagte: »Ich kann auch nimmer. Ich muß noch Süßholz kochen, wenn ich heimkomme!« Doch nahmen sie noch eins zur schuldigen Danksagung. Unterwegs sagte der Gevatter des Zyriak: »Apotheker, heut' habt Ihr ein Meisterstück gemacht, ich kann nicht begreifen, wie Ihr noch aufrecht gehen könnt!« Der Apotheker sagte: »Mich wundert, daß Ihr nicht blindhagelvoll seid!« »So,« sagte der Gevattersmann, »drum hab' ich Wasser getrunken!« Da gingen dem Apotheker die Augen auf, und er sagte: »Ich auch!« Da gingen dem Gevattersmann auch die Augen auf.

Freitag, 13. Mai 2016

Bück dich, Mann - Volksschwank

Heute kommen wieder 2 nette Geschichten zur Kenntnis. Die eine Geschichte ist von Ludwig Auerbach, die andere Geschichte ein Volksschwank. Beide Geschichten machen Spaß sie zu lesen.



Die Hasenjagd
Ludwig Auerbacher
Zeichnung: Hans von Volkmann

Ich weiß nicht, ist es ein Schwabe oder ein anderer deutscher Landsmann gewesen, der einmal von einem Hasen hübsch angeführt worden ist. Es hatte nämlich ein langanhaltender Regen die Gegend so sehr überschwemmt, daß fast alles Wild in den Niederungen zugrunde gegangen war. In dieser Not hatte sich ein Häslein schwimmend auf einen Weidenbaum gerettet, der noch aus dem Wasser hervorragte. Das sah ein Bauer von seiner einsamen Hütte aus, und er dachte sich: der Hase wäre doch mehr geborgen in seiner Küche, als dort auf dem Baume, wo er ohnehin zuletzt doch versaufen oder verhungern müßte. Also zimmerte er ein paar Bretter zusammen, und ruderte damit gegen den Weidenbaum zu, um den Hasen zu fischen. Der aber mochte dabei auch seine Gedanken und Pläne im Kopfe haben, wie sich's aus der Folge ergeben wird. Denn wie nun der Bauer anfuhr und sich an den Zweigen hinaufhob, ersah sich der Hase den rechten Augenblick und sprang über den Bauern hinweg auf das bretterne Fahrzeug, das, durch den Aufsprung in Bewegung gebracht, nun fortschwamm, wohin es das Wasser führte. Beim nächsten Bühel, wo es anfuhr, sprang der Hase aufs Trockene und dankte, wie es schien, seinem Erretter mit einem allerliebsten Männle. Der Bauer aber säße wohl noch auf dem Baume, wenn ihn nicht die Nachbarn heimgeholt hätten, die ihn nun ob seiner Hasenjagd brav auslachten.

Zeichnung: Hans von Volkmann


Bück dich, Mann
Volksschwank

Der Herr Pastor hatte in seinem Garten einen Birnbaum, der hing voll schöner reifer Früchte, die am Montag abgenommen werden sollen. Als nun der geistliche Herr am Sonntag früh einen Gang durch sein Gärtlein machen will, um noch ein wenig an der Predigt zu lernen, sieh an, da hat jemand über Nacht an den Birnen Gefallen gefunden; der Baum ist rein abgepflückt bis auf eine einzige Birne. Da hatte es nun mit dem Lernen der Predigt seine Schwierigkeit, aber der Pfarrer denkt: Wartet ihr! steckt die letzte Birne in die Tasche und begibt sich nach der Kirche. Als er nun auf dem Predigtstuhl steht, hält er eine schöne Ansprache, die seiner Gemeinde so recht erbaulich zu Herzen geht. Auf einmal kommt er aber auf den Diebstahl zu sprechen, nimmt die Birne in die Hand und ruft: »Wehe dem, der heute nacht meinen Birnbaum geplündert hat, der Spitzbube, ich kenne ihn genau! Dem werfe ich jetzt die Birne an den Kopf!« Als der streitbare Pfarrherr nun mit dem Arm ausholt, da ruft eine Frau aus der andächtigen Menge ihrem Manne halblaut zu: »Bück' dich, Mann, er wirft!«



Ein wenig Heiterkeit darf auch zu Pfingsten sein.

Donnerstag, 12. Mai 2016

Soll ich lachen, soll ich klagen ...

Heute habe ich überlegt, schreibe ich eine Geschichte auf oder ein paar Gedichte. Für Gedichte habe ich mich entschieden, sie machen mich locker, locker auf Frühling. Habe heute meine ersten "Blumen-Köpfchen" fotografiert. Sie sind noch sehr Klein und geben nicht die Vielfalt meiner Pflanzen wider, muss einfach abwarten.







Wenn der Frühling auf die Berge steigt 
Und im Sonnenstrahl der Schnee zerfließt, 
Wenn das erste Grün am Baum sich zeigt 
Und im Gras das erste Blümlein sprießt – 
Wenn vorbei im Tal 
Nun mit einem Mal 
Alle Regenzeit und Winterqual, 
Schallt es von den Höhn 
Bis zum Tale weit: 
O, wie wunderschön 
Ist die Frühlingszeit!
Friedrich Martin von Bodenstedt






Soll ich lachen, soll ich klagen,
Daß die Menschen meist so dumm sind,
Stets nur Fremdes wiedersagen
und in Selbstgedachtem stumm sind!

Nein, den Schöpfer will ich preisen,
Daß die Welt so voll von Toren,
Denn sonst ginge ja der Weisen
Klugheit unbemerkt verloren.
Friedrich Martin von Bodensted




Im Winter trink' ich und singe Lieder
aus Freude, daß der Frühling nah ist,
und kommt der Frühling, trink' ich wieder,
aus Freude, daß er endlich da ist.
Friedrich Martin von Bodenstedt




Wenig große Lieder bleiben,
mag ihr Ruhm auch stolzer sein,
doch die kleinen Sprüche schreiben
sich ins Herz des Volkes ein;
schlagen Wurzel, treiben Blüte,
tragen Frucht und wirken fort.
Wunder wirkt oft im Gemüte
ein geweihtes Dichterwort.
Friedrich Martin von Bodenstedt



In jedes Menschen Gesichte
steht seine Geschichte,
sein Hassen und sein Lieben
deutlich geschrieben.
Sein innerstes Wesen,
es tritt hier ans Licht –
doch nicht jeder kann's lesen,
versteh'n jeder nicht.
Friedrich Martin von Bodenstedt

Herzlichst Margot.



Mittwoch, 11. Mai 2016

Die Dümmere

Das Wetter ist wieder schön, nein, eigentlich sehr schön. Ein leichter Wind lässt nicht zu viel Hitze aufkommen und ich fühle mich wohl. Nur mein Blick auf meine Pflanzen lässt mich nicht Jubeln, aber meine Hoffnung auf ein blumiges Gelingen wächst, die ersten Blumenspitzen sind zu sehen. 
Das Warten auf die ersten Blumen werde ich mir mit kleinen Geschichten verkürzen.

Die Dümmere

Karl Simrock

Es war einmal ein Schlachter, der machte Bankrott. Da sagte er zu seiner Frau: »Nun will ich graben und auf Tagelohn arbeiten.« Als er aber ein paar Tage gearbeitet hatte, da waren ihm seine Hände wund, und er sprach zu seiner Frau: »Ich muß nun wieder schlachten.« Er ging also aufs Land, um sich ein Kalb zu kaufen, und als er in ein Dorf kam, fragte er, ob sie nicht ein Kalb zu verkaufen hätten. »Nein,« sagten die Bauern, »wir haben nicht; aber hier nebenbei wohnt ein Müller, der hat fünf Ochsen.« Da sagte der Schlachter: »Die kann ich auch brauchen,« und ging nach der Mühle.

Als er nun nach der Mühle kam, war der Müller nicht zu Hause. Der aber hatte, als er ausging, zu seiner Frau gesagt: »Wenn da jemand kommen sollte und auf die Ochsen handeln, so kannst du sie nur für fünfzig Taler das Stück losschlagen, für weniger aber sind sie nicht feil.« Nun kam der Schlächter; er fragte die Frau, ob sie ihm nicht die Ochsen verkaufen wollte. »Ja,« sagte sie, »für fünfzig Taler das Stück, für weniger aber nicht.« Der Fleischer war's zufrieden und wollte so viel geben; »aber,« sagte er, »ich habe jetzt nicht so viel bares Geld bei mir. Wenn ich alle fünf auf einmal nehme, so können wir's ja so machen, daß ich zwei gleich mitnehme und dafür die drei übrigen Ihr zum Pfande dalasse, bis ich komme und das volle Kaufgeld bringe.« Die Frau antwortete, daß er es damit halten könnte, wie es ihm gerade paßte, und war froh, einen so schnellen und vorteilhaften Handel abgeschlossen zu haben.
Als nun ihr Mann nach Hause kam, fragte er sie gleich: »Na, hast du die Ochsen verkauft?« – »Jawohl,« antwortete die Frau, »alle fünf auf einmal an einen Schlachter aus der Stadt, das Stück für fünfzig Taler und um keinen Schilling weniger.« »Das ist ein guter Handel,« dachte der Mann, aß erst ein paar Bissen, und nachdem er damit fertig war, verlangte er das Geld zu sehen. Da erwiderte die Frau: »Das Geld habe ich noch nicht bekommen; der Schlächter wird es über vierzehn Tage bringen, wenn er die drei letzten Ochsen abholt. Die hat er so lange zum Pfande hiergelassen, zwei hat er gleich mitgenommen.« – »Nun,« sagte der Mann, »da ist doch auf Gottes weiter Welt kein dümmeres Frauenzimmer als du bist,« und er war sehr ärgerlich und sagte: »Die vierzehn Tage will ich noch warten, kommt aber binnen der Zeit der Schlachter nicht wieder, so reise ich fort von hier und kehre in meinem ganzen Leben nicht zurück, ich müßte denn eine Dümmere finden, als du bist.«
Der Müller wartete nun diese vierzehn Tage; aber wer nicht kam, das war der Schlachter, und so reiste der Müller richtig weg.
Er war schon ziemlich lange gereist, und nirgends in der Welt hatte er noch eine dümmere Frau gefunden, als die, welche er zu Hause gefunden hatte. Da kam er endlich bei einem Schlosse an, in dem eine verwitwete Gräfin wohnte, und hier sprang der Müller in einem weg in die Höhe und gaffte nach dem Himmel hinauf. Die Gräfin wurde seiner vom Fenster aus gewahr und schickte sogleich ihre Kammerjungfer hinunter, um ihn zu fragen, was er doch da vorhätte, oder was ihm fehlte.
Der Müller sagte: »Wir haben oben im Himmel einen Tanz gehalten, da bin ich der Luke zu nahe gekommen und heruntergefallen; nun kann ich gar nicht den rechten Sprung wiederkriegen, um hinaufzukommen. Ich muß nun weitergehen und suchen, ob ich die rechte Fährte anderswo wiederfinde.«
Er tat nun, als ob er fortgehen wollte, und dabei sah er immer noch nach dem Himmel hinauf. Aber die Kammerjungfer hatte der Gräfin kaum die Nachricht von dem Müller gebracht, der aus dem Himmel gefallen war, so kam diese ihm selber nachgelaufen und fragte, wenn er aus dem Himmel gefallen wäre, so kenne er vielleicht auch ihren verstorbenen Mann.
»Jawohl,« sagte der Müller, »den kenne ich ganz gut; eben noch habe ich mit ihm getanzt.« – »Wenn das ist, lieber Mann,« sagte die Gräfin, »so kann Er mir wohl auch berichten, ob mein seliger Mann noch die großen Stiefel trägt mit den goldenen Sporen und seinen grünen Rock?«
Da antwortete der Müller: »Gnädige Frau, der arme Herr hat neulich die goldenen Sporen aus Not verkaufen müssen; die Stiefel hat er noch, aber sie sind schon ganz entzwei, auch den grünen Rock trägt er noch, aber er ist so abgeschabt, daß ihm die Hemdärmel daraus hervorgucken.«
»Gott steh mir bei,« rief die Gräfin aus, »das ist ja eine wahre Schande, wie schlecht es ihm da geht! Hör' Er mal, Er könnte mir einen rechten Gefallen tun, wenn Er für den seligen Herrn etwas Zeug zu einem neuen Rock mitnehmen wollte. Mein Sohn trägt gerade noch dieses Zeug. Ich will Ihm dann auch noch vierhundert Dukaten mitgeben und ein bißchen Gutes zu essen und zu trinken.«
Der Müller sagte, das wolle er von Herzen gern besorgen, und die Gräfin gab ihm dann alles mit auf den Weg.
»Das wäre doch einmal eine, wie ich sie suchte,« sagte der Müller und ging fort.
Bald darauf kam der Junker nach Hause und fand seine Mutter ganz traurig und in großer Betrübnis. Er fragte sie nach der Ursache. »Ach,« sagte die Gräfin, »da war hier eben ein Mann aus dem Himmelreich, der hat mir so schlechte Nachrichten vom seligen Papa gebracht; der hat aus Not schon seine goldenen Sporen verlauft, seine Stiefel sind entzwei, und sein Rock ist zerrissen. Ich habe nun dem Manne etwas Zeug und vierhundert Dukaten mitgegeben; es tut mir wahrhaftig so leid um den seligen Papa.« Der Sohn sah gleich, wie die Sache stand und ließ schnell seinen Schimmel satteln und jagte dem Müller nach.
Es dauerte nicht lange, so merkte der Müller, daß einer hinter ihm drein kam. Verstecken konnte er sich nirgends; aber da begegnete ihm eine alte Frau. Die fragte er, was er ihr geben sollte, wenn sie ruhig eine Zeitlang, ohne ein Wort zu sprechen, unter seinem Mantel auf der Erde sitzen wollte. Die Frau verlangte fünf Taler, aber der Müller gab ihr zehn, wenn sie nur genau das tun wollte, was er verlangte. Das versprach sie und kroch unter den Mantel. Noch einen Augenblick, so war der Junker auf dem Pferde bei ihnen und fragte den Müller, ob er nicht einen Mann habe eilig vorüberlaufen sehen.
Da sagte der Müller: »Jawohl, vor einer Viertelstunde ging einer hier rasch vorüber, und zuweilen lief er sogar. Er nahm den Weg da quer übers Moor, aber wenn Ihr nur auf meinen Bienenkorb hier sehen und die Bienen mir hüten wolltet, so lange bis der ausgeflogene Schwarm wieder drin ist, so wollte ich Euch den Mann bald wieder einbringen.«
Der Junker versprach ihm noch ein gutes Trinkgeld obendrein, stieg ab und wollte die Bienen hüten. Der Müller aber setzte sich schnell auf und jagte mit dem Schimmel davon. Da sah der Junker bald, daß es kein Bienenkorb, sondern eine alte Frau war, und nun ging er ohne den Schimmel nach Hause. Und als ihn seine Frau Mutter fragte, ob er denn den Mann gefunden hätte, so sagte er: »Ja, ich habe ihn bald gefunden und habe ihm auch noch den Schimmel mitgegeben, damit er eher hinkommt.«
Der Müller aber reiste wieder zu seiner Frau, und als er bei ihr ankam mit dem Schimmel und mit den vierhundert Dukaten und mit dem Zeug zu einem neuen grünen Rocke und mit all dem guten Essen und Trinken, das er dem seligen Herrn nach dem Himmel hatte mitnehmen sollen, da sagte er zu ihr: »Nun will ich bei dir bleiben, denn ich habe doch eine Dümmere gefunden, als du bist, und habe sogar noch mehr verdient, als alle fünf Ochsen wert sind.«

Herzlichst Margot

Dienstag, 10. Mai 2016

Der Priester und Spruchweisheiten 3

Nein, ich glaube noch nicht an Gott, aber manche Dinge von und zu Gott, sind menschliche Dinge, die kann ich mir annehmen, wie in dieser kleinen Geschichte. Nur wer mich anspuckt, dem sollte ich verzeihen? Nein, dazu bin ich noch nicht bereit, glaube ich jedenfalls. Dazu brauche ich Überwindung ...

Der Priester ...


Der Priester Klemens Maria Hofbauer wurde der Apostel Wiens genannt. Für sie tat er alles. Selbstlos bettelte er sich das Geld zusammen, das er für die Notleidenden brauchte. Eines Abends ging er wieder in eine Gaststätte. Tisch für Tisch sprach er die Gäste freundlich an und bat um eine kleine Gabe für die Armen. Dabei geriet er an einen groben Menschen, der alles hasste, was mit der Kirche zu tun hatte. Der schrie ihn an: «Wie kommen Sie dazu, mich um Geld zu bitten?» Und er spuckte dem Priester verächtlich ins Gesicht. Der zog ruhig sein Taschentuch heraus, wischte sich das Gesicht sauber und wandte sich dann ganz freundlich noch einmal an den Mann: «Das war für mich. Aber nun geben Sie mir doch bitte noch etwas für die Armen!» Dabei hielt er ihm erneut den Hut hin. Der Gast soll von dem Priester so beeindruckt gewesen sein, dass er ihm den ganzen Inhalt seiner Geldbörse in den Hut schüttete.



Spruchweisheiten 3

Wenn der Junge wüsste und der Alte könnte, gäbe es nichts, was nicht vollbracht werden könnte.
aus Italien

Wer noch niemals anderen Leuten auf die Füße getreten hat, hat sich vermutlich noch niemals von der Stelle bewegt.
Franklin P. Jones

Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht.
Mark Twain


Zeigt mir einen Mann der Gewalttat, mit dem es ein gutes Ende genommen hat, und ich will ihn zu meinem Lehrer machen.
Lao-Tse

Wer sich zu groß fühlt, um kleine Aufgaben zu erfüllen, ist zu klein, um mit großen Aufgaben betraut zu werden.
Jacques Tati

Auf dem Kontinent sagen einem die Leute die Wahrheit oder sie lügen. In England lügen sie eigentlich kaum jemals, aber es würde ihnen nicht einfallen, einem die Wahrheit zu sagen.
George Mikes


Nur die Wahrheit beleidigt.
aus Frankreich

Wenn einer Geld hat, kann er dem Teufel Beine machen; wenn er keines hat, kommt nicht einmal der Mann, den er ruft.
aus China


Es gibt zwei Arten von Mitarbeitern, aus denen nie etwas Richtiges wird: Diejenigen, die nie tun, was man ihnen sagt, und diejenigen, die nur tun, was man ihnen sagt.
Christopher Morley


Wenn man systematisch acht Stunden täglich arbeitet, kann man es dazu bringen, Chef zu werden und vierzehn Stunden täglich zu arbeiten.Robert Frost

Staunen ist unfreiwilliges Lob.
Eward Young

Es ist leichter, ohne Messer eine Auster zu öffnen als den Mund eines Anwalts ohne Honorar.
Barten Holyday


Zu dem Hund, der Geld hat, sagen die Leute "Herr Hund".
aus Tunesien

Viele, die ihr ganzes Leben auf die Liebe verwendeten, können uns weniger über sie sagen als ein Kind, das gestern seinen Hund verloren hat.
Thornton Wilder

Nichts lernen wir so spät und verlernen wir so früh, als zugeben, dass wir Unrecht haben.
Marie von Ebner-Eschenbach


Die zweitwichtigste Kunst nach der Fähigkeit, Gelegenheiten zu ergreifen, ist zu wissen, wann ein Vorteil ungenutzt bleiben muss.
Benjamin Disraeli

Unter den Mitteln, in dieses Leben Freude zu bringen, gibt es vor allem zwei: Gutes tun und dann etwas gut tun.
Sigismund von Radecki




Montag, 9. Mai 2016

Eintagsfliege

Es ist heute auch wieder ein schöner sonniger Tag geworden. Das Fenster oder die Balkontür konnte ich nicht aufmachen, da fliegen die Fliegen herum und möchten mein Obst angreifen, was ich nicht möchte.
So, da lasse ich Fenster und Türe zu und lese im Internet nette Geschichten ...


Eintagsfliege

An einem warmen Sommertag hatte die Eintagsfliege um die Krone eines alten Baumes getanzt, gelebt, geschwebt und sich glücklich gefühlt und als das kleine Geschöpf einen Augenblick in stiller Glückseligkeit auf den großen, frischen Blättern ausruhte, so sagte der Baum: Arme Kleine! Nur ein Tag währt dein ganzes Leben! Wie kurz das ist! Wie traurig! ”Traurig?” erwiderte dann stets die Eintagsfliege, was meinst du damit? Alles ist so herrlich licht, so warm und schön, und ich selbst bin glücklich! Aber nur einen Tag, und dann ist alles vorbei! Vorbei? sagte die Eintagsfliege, Was ist vorbei? Bist du auch vorbei? Nein, ich lebe vielleicht Tausende von deinen Tagen, und meine Tage sind ganze Jahreszeiten! Das ist etwas so Langes, dass du es gar nicht ausrechnen kannst!” Nein, denn ich verstehe dich nicht! Du bist Tausende von meinen Tagen, aber ich habe Tausende von Augenblicken, in denen ich froh und glücklich sein kann! Hört denn alle Herrlichkeit dieser Welt auf, wenn du einmal stirbst? Nein, sagte der Baum, die währt gewiss länger, unendlich viel länger, als ich denken kann! "Aber dann haben wir ja gleich viel, nur dass wir verschieden rechnen!" sagte die Eintagsfliege.


Ein Schüler kam einst zu einem Meister. 

” Meister” sprach er mit trauriger Stimme “das Leben liegt wie eine Last auf meinen Schultern. Es drückt mich zu Boden und ich habe das Gefühl, unter dem Gewicht zusammenzubrechen.” Der Meister antwortete mit einem liebevollen Lächeln “Das Leben ist so leicht wie einer Feder.” “Meister, bei aller Demut, aber hier musst du irren. Denn ich spüre mein Leben wie eine Last von tausend Pfunden auf mir. Sag, was kann ich tun?”
“Wir sind es selbst, die uns Last auf unsere Schultern laden.” antwortete der Meister, immer noch milde lächelnd. “Aber…” wollte der Schüler einwenden. Der Meister hob energisch die Hand: “Dieses Aber wiegt allein tausend Pfund.”


Ein alter Indianerhäuptling erzählt seinem Enkel:

“In meiner Brust wohnen zwei Wölfe. Einer ist der Wolf der Dunkelheit, der Angst des Misstrauens, der Verzweiflung und des Neides.
Der andere ist der Wolf des Lichtes, der Liebe, der Lust und der Lebensfreude.” Da fragt der Enkel: “Und welcher wird gewinnen?” Der alte Indianer antwortet: ”Den, den ich füttere.”

So, meine Lieben, ich hoffe ihr füttert immer nur den Wolf des Lichtes, der Liebe, der Lust und der Lebensfreude.”  Wünsche euch allen eine ganz tolle Woche.



Sonntag, 8. Mai 2016

Die Sandelholz Geschichte

Es ist Sonntag, das Wetter ist wunderschön und warm. Ich habe auf meinem Balkon nach den Pflanzen geschaut und leider erst Knospen entdeckt. Noch keine einzige Blüte war zu sehen, was meine Laune nicht begeisterte, aber ich wollte nicht schimpfen. Ich habe mich mit Geschichten lesen, abgelenkt und der Tag wurde noch entspannt.


Die Mondfee Sandelholz Geschichte

Es war einmal eine kleine Fee. Sie lebte recht zurückgezogen an einem See im Wald. Von den anderen Feen wurde sie Seefee genannt, weil sie dort wohnte und auch oft nur so am Ufer des Sees saß und sich das Spiegelbild von Sonne, Wolken und Mond anschaute.

Eines Abends saß unsere Seefee wieder alleine am Ufer des Sees und schaute gedankenverloren dem aufgehenden Mond zu. Heute war sie irgendwie sehr schwermütig, das Herz war traurig und trübsinnig, obwohl sie gar keinen Grund dafür nennen konnte. Doch dann wurde ihre Aufmerksamkeit geweckt. Da war etwas, kaum mehr als ein sanfter Duft, der sie liebevoll berührte. Was war das? Es fühlte sich so schön an, wie der Klang eines längst vergessenen Wiegenliedes. Und der Duft kam näher und wurde präsenter. „Wer bist Du?“ fragte sie in die Nacht, da sie niemanden sehen konnte. Und eine warme Stimme antwortete: „Ich bin gekommen um mit dir zu sein. Ich möchte dich gerne ein Stück begleiten. Ich bin der Sandelholzduft.“ Nun, das überraschte die Mondfee, sonst ließen die anderen sie meist in Ruhe, wenn sie trübsinnig war. Doch der neue Duft fühlte sich gut an und so merkwürdig vertraut, daß sie sich auf diese Begegnung einlassen konnte und ihr Inneres ein Stückchen öffnete. Der warme, balsamische Duft legte sich wie ein schützender Mantel um sie und auch ihr Herz hüllte er in seine liebevolle Kraft. Ihr war, als würde die Zeit stehen bleiben, nichts war mehr so wichtig, nur das DA SEIN. Und Ihr Herz füllte sich mit sinnlicher Schönheit und Einheit. Angst und Trübsinn wichen aus ihrem Geist.

Ich weiß nicht, wie lange die zwei so beisammen waren, als der Duft sagte: “Ich möchte dir meine Quelle zeigen, damit du mich immer rufen kannst, wenn du mich brauchst.“ Und das machte die Seefee sehr neugierig, da sie merkte, wie gut der Duft ihr tat. Sie folgte ihm also durch den Wald und gar nicht so weit vom Waldrand entfernt stand ein schönes Haus.
Vor den Menschen hatte sie sich bisher meist ferngehalten, sie waren oft so schnell und unaufmerksam, das sie Angst hatte aus versehen verletzt zu werden. Nun hatte sie aber einen neuen Freund, dem sie folgte und vertraute. Dieser zog durch das offene Fenster in das Haus hinein und die Seefee setzte sich vorsichtig außen auf das Fensterbrett und schaute gebannt in das Zimmer der Menschenfrau, die hier wohnte. Die Frau saß in einem gemütliche Sessel und strickte. Dabei lächelte sie gelegentlich oder trank einen Schluck Tee. Sie strahlte eine Ruhe und Kraft aus, die die Seefee selten bei Menschen gesehen hatte.
Und da war auch ihr Duftfreund, der sich neben ein Räucherstövchen gesetzt hatte, auf dem ein paar Späne Sandelholz lagen und durch eine Kerze erwärmt wurden. Lächelnd saß der Sandelholzduft da und schaute die Seefee an. Er öffnete die Arme ganz weit, so weit, als wolle er die ganze Welt umarmen und beide fingen an zu lachen. Die Seefee stand auf, tanzte ein paar Kreise und klatschte in die Hände vor Freude. Dann schaute sie ihrem neuen Duftfreund noch einmal in die Augen und sprach ihm ihren tiefen inneren Dank aus, den ihr neuer Freund lächelnd an nahm.

Nach einer Weile flog die Seefee dann wieder zu ihrem See im Wald zurück, setzte sich lächelnd ans Ufer und schaute in das Spiegelbild des Mondes, der jetzt irgendwie heller leuchtete als sonst. Und sie wußte, an wen sie sich wenden konnte, wenn sie wieder einmal traurig war und nach innerer Stärke, Geborgenheit und Schutz suchte.



Samstag, 7. Mai 2016

Muttertag

Heute denke ich an Muttertag und an meine Mutter, sie ist schon 36 Jahre nicht mehr bei mir, aber meine Gedanken sind noch wie gestern bei ihr. Ich glaube, eine Mutter kann man nicht vergessen.



An Mama

Du willst die stillen Lieder haben,
die einst ein kindlich Herz erfand -
O Mutter! nimm die arme Gabe,
Den welken Strauss aus meiner Hand.

Die Weisen, die ich je gesungen,
Mit ihrem Schmerz und ihrer Lust,
Sind tief aus meiner Brust gedrungen
Und legen sich an deine Brust.

Dahin auch zieht ein innig Sehnen
Die Seele, die dich dankend liebt.
Nimm meine Grüsse, Wünsche, Tränen,
Nimm, was mein Herz, so gern dir gibt.

- Luise Hensel 1798-1876


Meine Mutter

Ach, wär ich ein Vöglein,
Ich wüsst, was ich tät:
Ich lernte mir Lieder
von morgens bis spät.
Dann setzt ich mich dort,
wo lieb Mütterlein wär,
und säng ihr die Lieder
der Reihe nach her.

Und wär ich ein Schäflein,
das hätt' ich im Sinn:
Ich gäb alle Wolle
dem Mütterlein hin.
Die spinnt dann die Wolle
und strickt sicherlich
zwei Dutzend Paar Strümpfe
für sich und für mich.

Und wär ich ein Fischlein,
Ich wüsst, was da wär:
Ich tauchte zum Grunde
tief unten ins Meer,
holt Perlen und Muscheln.
Ihr glaubt, nur für mich?
Der Mutter die Perlen,
die Muscheln für mich.

Doch mancherlei möchte ich
den doch wohl nicht sein:
Nicht Apfel, noch Kirschen,
nicht Wasser, noch Wein.
Denn ässe man mich
oder tränke mich aus,
dann hätt meine Mutter
kein Kind mehr zu Haus.

- Robert Reinick 1805-1852


Sei froh, dass du uns hast
von Eva Rechlin

Wir wären nie gewaschen
und meistens nicht gekämmt,
die Strümpfe hätten Löcher
und schmutzig wär' das Hemd.

Wir gingen nie zur Schule,
wir blieben faul und dumm
und lägen voller Flöhe
im schwarzen Bett herum.

Wir äßen Fisch mit Honig
und Blumenkohl mit Zimt,
wenn du nicht täglich sorgtest,
dass alles klappt und stimmt.

Wir hätten nasse Füße
und Zähne schwarz wie Ruß
und bis zu beiden Ohren
die Haut voll Pflaumenmus.

Wir könnten auch nicht schlafen,
wenn du nicht noch mal kämst
und uns, bevor wir träumen,
in deine Arme nähmst.

Wer lehrte uns das Sprechen?
Wer pflegte uns gesund?
Wir krächzten wie die Krähen
und bellten wie ein Hund.

Wir hätten beim Verreisen
nur Lumpen im Gepäck.
wir könnten gar nicht laufen,
wir kröchen durch den Dreck.

Und trotzdem sind wir alle
auch manchmal eine Last,
doch was wärst Du ohne Kinder,
sei froh dass du uns hast.