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Samstag, 4. Oktober 2014

Die Senfkörner

Wieder ein herrlicher Tag mit viel Sonnenschein und blauem Himmel. Meine Gedanken sind etwas angestaubt, nicht nur durch den Feiertag der Deutschen Einheit. 25 Jahre lebe ich nun auf der Westseite von Deutschland und ich fühle mich noch immer nicht heimisch. Vielleicht weil ich keine Eltern mehr habe? Vielleicht weil mir diese Politik in Deutschland nicht gefällt? Vielleicht weil ich keine Arbeitslosigkeit in der DDR kannte und hier ist es das Hauptthema? Vielleicht weil ich jeden Tag von Krieg höre auf der Welt? Jeden Tag von Mord und Totschlag lese? Hier sind Tote nur Statistiken und keine persönliche Tragödie. Vielleicht habe ich deshalb diese nachfolgende Geschichte ausgewählt ... wer weiß es.


Die Senfkörner

Vor langer Zeit lebte in Indien in einem kleinen Dorf eine junge Frau namens Kisa. Sie verliebte sich, heiratete und war sehr glücklich mit ihrem Mann. Bald bekamen sie einen Sohn, den sie beide sehr liebten. Als der Junge zweieinhalb Jahre alt war, erkrankte er jedoch plötzlich und starb. Kisas Welt brach zusammen. Von ihrer Trauer überwältigt, wollte sie nicht glauben, dass ihr Junge wirklich tot sein sollte. Sie nahm den kleinen Leichnam in ihre Arme und ging mit ihm durch das ganze Dorf, fragte überall verzweifelt nach einer Medizin, die den Jungen heilen könnte. Schließlich führte ihr Weg zu Buddha, und sie bat ihn um seine Hilfe. Buddha schaute Kisa mit vollem Mitgefühl an und sagte: „Ich werde dir helfen, aber zuvor benötige ich eine Handvoll Senfkörner.“

Als Kisa hoffnungsvoll sofort zusicherte, sie sei bereit alles zu tun, um die benötigte Menge Körner zu besorgen, entgegnete Buddha, „Aber die Körner müssen aus einer Familie stammen, in der niemand sein Kind, seinen Partner oder seine Eltern verloren hat. Alle Körner müssen aus einem Haus sein, wo der Tod noch nie zu Besuch war."

Kisa ging von Haus zu Haus und fragte nach Senfkörnern. Doch in jedem Haus erhielt sie die gleiche Antwort. „Natürlich können wir dir Senfkörner geben, aber es gibt bei uns weniger Lebende als schon Verstorbene.“ Jeder hatte entweder die Mutter oder den Vater, seine Frau oder den Mann, den Sohn oder die Tochter verloren. Sie besuchte viele Familien und hörte immer wieder von verschiedenen Verlusten. Nachdem sie jedes Haus im Dorf besucht hatte, öffneten sich ihre Augen und sie verstand, dass niemand in seinem Leben von Verlust und Trauer verschont bleibt, und dass sie nicht alleine war. Ihre Trauer verwandelte sich in Mitgefühl für alle anderen trauernden Menschen. Jetzt war sie in der Lage, sich von ihrem Sohn zu verabschieden und ihn zu beerdigen.
Autor: unbekannt


Es ist gut zu wissen, dass man nicht alleine einen Toten zu betrauern hat, auch wenn es nach meinem Empfinden das Schlimmste ist, wenn ein Kind vor den Eltern geht. Nein, ich habe kein Kind verloren, aber ich muss an solche Menschen denken ... verzeiht mir.



Kommentare:

  1. Ich gebe zu, Margot, ich habe heute nur Deine Worte am Anfang und am Ende gelesen. Und bin froh, dass ich es getan habe. Geschichten, wo es darum geht, dass das eigene Kind stirbt, kann ich nicht mehr lesen, seit dem ich Mutter geworden bin. Es zerreißt mir das Herz und darum meide ich solche.

    Meine Oma hat zu ihren Lebzeiten zwei Söhne verloren. Der erste war 26 Jahre und der zweite 48 Jahre. Bei dem ersten war sie in seiner Todesstunde nach einem Autounfall dabei. Diese Geschichte hat mich seit meiner Kindheit begleitet. Es war der Zwillingsbruder meines Vaters. Der zweite ist in den Bergen beim Bergsteigen erfroren. Ich war dabei, als sie die Nachricht erfuhr...

    Mein tiefstes Mitgefühl gehört all denen, die ein Kind verloren haben. Es ist grausam.

    Liebe Grüße
    Sonja

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    1. Sonja ich verstehe dich, am liebsten hätte ich es nicht geschrieben, aber ich musste einige Gedanken abbauen. An meine Freundin in Thüringen musste ich dabei denken, sie hat ein Kind an Krebs verloren ... und auch an andere Trauerfälle musste ich denken.
      Die Welt ist nicht nur schön ...
      Dir aber wünsche ich einen wunderschönen Tag. Liebe Grüße, Margot.

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  2. Hallo Margot,

    ich wohne seit meinem ganzen Leben im gleichen Ort, deshalb ist es vielleicht für mich etwas einfacher und es war die ganze Zeit hier in der BRD, den Ausdruck "Westen" kannte ich früher gar nicht in diesem Bezug, Westen da hätte ich an das Ruhrgebiet gedacht ;)

    Die Geschichte finde ich sehr schön und sie passt genau in die Zeit, wir haben gerade einen aktuellen Trauerfall in der Familie und es ist komisch, manchmal empfindet man den Tod für jemanden auch als eine Erlösung von Leid und Schmerz.

    Ein Kind zu verlieren oder eines Tod auf die Welt zu bringen muss schrecklich sein, meine Mutter könnte davon erzählen. Leider.

    Liebe Grüße und noch einen schönen Sonntag.
    Björn :)

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    1. Lieber Björn, vielen Dank für deine wunderbaren Worte. Für uns gab es früher fast immer nur die Worte, Osten und Westen. Jeder von uns hatte die Worte gekannt und wusste was damit gemeint ist.
      Zu der Geschichte muss ich sagen, es tut mir sehr leid, dass du einen
      Trauerfall in der Familie hast.
      Es wäre gut, wenn du sagen könntest, es war eine Erlösung von Leid und Schmerz. Für deine Mutter hätte ich auch viel Verständnis, wenn sie so etwas erleiden musste. So etwas ist wirklich schrecklich ...

      Wünsche dir noch einen schönen Abend, liebe Grüße, Margot.

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