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Montag, 9. Februar 2015

Leben im Mutterleib

Die Zeit meiner Geburt ist schon sehr lange her und ich bin auch kein Zwilling, ich weiß nicht, ob es so ist, wie es in der Geschichte zuging, als ich im Leib meiner Mutter war. Es liest sich aber sehr gut und ich liebte und liebe noch immer meine Mutter ... trotzdem sie nicht mehr körperlich bei mir sein kann.


Leben im Mutterleib

von Wayne Rice

Es geschah einst, dass Zwillinge in einem Mutterleib empfangen wurden. Wir nennen sie hier einmal Jim und Sam. Sekunden, Minuten und Stunden vergingen und die beiden Leben in Embryoform entwickelten sich. Der Funke von Leben wuchs und die beiden winzigen Gehirne begannen, Form anzunehmen. Mit der Entwicklung ihres Gehirns kamen auch die Gefühle und mit den Gefühlen die Wahrnehmung ihrer Umgebung sowie des jeweils anderen Zwillings und des eigenen Lebens. Die beiden winzigen Wesen stellten fest, dass das Leben gut war und sie lachten und freuten sich in ihrem Herzen. 
Jim sagte zu Sam: "Wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass wir gezeugt worden sind und in dieser wunderbaren Welt leben." 

Sam stimmte zu: "Ja, gesegnet sei unsere Mutter, die uns das Leben und einander geschenkt hat." 

Die beiden Zwillinge wuchsen weiter und bald nahmen Arme und Finger, Beine und Zehen Form an. Sie streckten ihren Körper und rührten sich und bewegten sich in ihrer kleinen Welt. Sie erkundeten diese Welt und fanden die Nabelschnur, die ihnen Leben aus dem Blut ihrer Mutter zuströmen ließ. Sie waren dankbar für diese neue Entdeckung und sangen: "Wie groß ist doch die Liebe unserer Mutter – dass sie alles, was sie hat, mit uns teilt!" 

Die Wochen gingen in Monate über und mit der Ankunft jeden neuen Monats bemerkten sie Veränderungen aneinander und an sich selbst.

"Wir verändern uns", sagte Sam. „Was kann das bedeuten?“ 

"Es bedeutet", sagte Jim, “dass wir uns der Geburt nähern." 

Ein beunruhigender Schauer durchfuhr die beiden. Sie hatten Angst vor der Geburt, denn sie wusste, dass sie bedeuten würde, ihre wunderbare Welt hinter sich zu lassen. 

Sam sagte: "Wenn es nach mir gehen würde, würde ich für immer hier leben." 

"Doch wir müssen geboren werden", sagte Jim. „Genauso wie es bei allen anderen vor uns auch passiert ist." In der Tat gab es in diesem Mutterleib Anzeichen dafür, dass hier bereits vor ihnen Leben entstanden war. "Und ich glaube an ein Leben nach der Geburt, du nicht?" 

"Wie kann es ein Leben nach der Geburt geben?" schluchzte Sam. "Verlieren wir nicht unsere Nabelschnur und auch das Blutgewebe wenn wir geboren werden? Und hast du je mit jemandem gesprochen, der geboren worden? Ist jemals jemand nach der Geburt wieder in den Mutterleib zurückgekommen um zu beschreiben, wie das Leben nach der Geburt ist? Nein!" Während er sprach, geriet er in Verzweiflung und in seiner Verzweiflung jammerte er: "Wenn der Sinn unserer Zeugung und unseres Wachstums im Mutterleib nur darin liegt, am Ende geboren zu werden, dann ist unser Leben wirklich sinnlos." Er presste seine geliebte und kostbare Nabelschnur an seine Brust und sagte: “Und wenn das so ist, dann ist das Leben absurd und dann kann es eigentlich auch keine Mutter geben, zumindest keine, die uns liebt!" 

"Es gibt aber eine Mutter", protestierte Jim. „Und sie liebt uns. Wer sonst hat uns bisher genährt? Wer sonst hat diese Welt für uns erschaffen?" 

"Wir bekommen unsere Nahrung von dieser Nabelschnur – und unsere Welt ist immer schon da gewesen", sagte Sam. „Und wenn es eine Mutter gibt, wo ist sie dann? Hast du sie je gesehen? Hat sie jemals mit dir gesprochen? Nein! Wir haben diese Mutter erfunden als wir jung waren weil die Vorstellung von einer Mutter ein Bedürfnis in uns befriedigte. Durch diese Vorstellung haben wir uns sicher und glücklich gefühlt." 

Während Sam nun noch jammerte und sich in seinen trüben Gedanken verlor, gab Jim sich dem Mysterium der Geburt hin und legte sein Vertrauen in die Hände seiner Mutter. Die Stunden wurden zu Tagen und die Tage zu Wochen und bald war es soweit. Sie beide wussten, dass ihre Geburt unmittelbar bevorstand und beide fürchteten sich vor dem Unbekannten. Da Jim zuerst empfangen worden war, musste er auch zuerst geboren werden. Sam folgte. 

Beide weinten als sie in das Licht hinein geboren wurden. Sie husteten Flüssigkeit aus und schnappten nach der trockenen Luft. Und als sie sicher waren, dass sie nun geboren worden wären, öffneten sie ihre Augen – und sahen zum ersten Mal das Leben nach der Geburt. Was sie sahen, waren die wunderschönen Augen ihrer Mutter, die sie liebevoll in ihren Armen wiegte. Sie waren zu Hause. 



Kommentare:

  1. Eine wunderschöne Geschichte! Auch ich liebe meine Mutter, bin ihr dankbar und bin glücklich sie zu haben.
    Eine gute Woche wünscht Dir und allen Deinen Lesern
    Astrid

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    1. Danke Astrid, es sind schöne Worte, Worte über die sich deine Mutter freuen kann. Du hast sie noch, wie schön für euch beide.
      Vielen Dank auch für deine Grüße, Margot.

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  2. Eine wunderschöne Geschichte, die mir sehr nah geht.
    Auch in ihrer Doppeldeutigkeit gefällt sie mir und macht Mut, dass das hier nicht alles ist.

    Liebe Grüße
    Sonja

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    1. Hallo Sonja, es ist so, die Geschichten sind meistens schön, auch wenn man nicht alles weiß. Die Hoffnung, es geht mal alles weiter, gebe ich nicht auf. :-)

      Einen schönen Nachmittag wünsche ich dir. Liebe Grüße, Margot.

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  3. Hallo Margot,

    eine interessante Geschichte, wahrscheinlich ist es genau, wie Du es hier beschreibst - deshalb schreien wir alle so :)

    Liebe Grüße
    Björn :)

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    1. Hallo Björn, ja, das Schreien ist so wahrscheinlich.:-))

      Liebe Grüße, Margot.

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  4. Liebe Margot,
    ich könnte mir vorstellen, dass es so ist.
    Da hast du wieder eine wunderschöne Geschichte gefunden
    und für uns aufgeschrieben.
    Einen guten Start in die neue Woche wünscht dir
    Irmi

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    1. Danke liebe Irmi, ich freue mich wenn Geschichten gefallen. Wünsche dir auch eine schöne Woche.

      Liebe Grüße, Margot.

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