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Sonntag, 7. September 2014

Jupiter und das Schaf

Heute war ein Tag wie man sich den Herbst vorstellt. Am frühen Morgen war kräftiger Nebel und hüllte Haus und Bäume in ein Vergessen ein. Ich sah nicht einmal mehr, die gegenüberliegende Hauswand. Doch nach ein paar Stunden, zerfloss der Nebel in einen herrlichen Sonnenschein, der den ganzen Tag anhielt. Was für eine Freude für mich, denn ich musste zum Einkauf um das Wochenende nicht zu hungern. Diesen Weg ging ich mit freudigem Schritt, um mich im Anschluss daran, einer Fabel zuzuwenden. Sie war diesem Tag angebracht ...



Jupiter und das Schaf

Ein Schafweibchen lebte in einer spärlich bewachsenen Gebirgsgegend. Es musste viel von anderen Tieren erleiden und war ständig auf der Flucht vor Feinden. Ein Adler kreiste oft über diesem Gebiet, und das Schafweibchen war
gezwungen, immer wieder ihr kleines Schäfchen zu verstecken. Auch musste es Acht geben, dass der Wolf es nicht entdeckte, denn dieser strolchte auf dem dicht bebuschten Nachbarhügel herum. Außerdem war es wirklich ein Wunder, dass der Bär aus der waldigen Schlucht unter ihm es und sein Kind mit seinen riesigen Pranken noch nicht erwischt hatte.

An einem Sonntag beschloss das Schaf, zum Himmelsgott zu wandern und ihn um Hilfe zu bitten. Demütig trat es vor Jupiter und schilderte ihm sein Leid. »Ich sehe wohl, mein frommes Geschöpf, dass ich dich allzu schutzlos geschaffen habe«, sprach der Gott freundlich, »darum will ich dir auch helfen. Aber du musst selber wählen, was für eine Waffe ich dir zu deiner Verteidigung geben soll. Willst du vielleicht, dass ich dein Gebiss mit scharfen Fang- und Reißzähnen ausrüste und deine Füße mit spitzen Krallen bewaffne?«

Das Schaf schauderte. »O nein, gütiger Vater, ich möchte mit den wilden, mörderischen Raubtieren nichts gemein haben.«

»Soll ich deinen Mund mit Giftwerkzeugen wappnen?« Das Schaf wich bei dieser Vorstellung einen Schritt zurück. »Bitte nicht, gnädiger Herrscher, die Giftnattern werden ja überall so sehr gehasst.«

»Nun, was willst du dann haben?« fragte Jupiter geduldig. »Ich könnte Hörner auf deine Stirn pflanzen, würde dir das gefallen?«

»Auch das bitte nicht«, wehrte das Schaf schüchtern ab, »mit meinem Gehörn könnte ich so streitsüchtig oder gewalttätig werden wie ein Bock.«

»Mein liebes Schaf«, belehrte Jupiter sein sanftmütiges Geschöpf, »wenn du willst, dass andere dir keinen Schaden zufügen, so musst du Gezwungenerweise selber schaden können.«

»Muss ich das?« seufzte das Schaf und wurde nachdenklich. Nach einer Weile
sagte es: »Gütiger Vater, lass mich doch lieber so sein, wie ich bin. Ich fürchte, dass ich die Waffen nicht nur zur Verteidigung gebrauchen würde, sondern dass mit der Kraft und den Waffen zugleich auch die Lust zum Angriff erwacht.«

Jupiter warf einen liebevollen Blick auf das Schaf, und es trabte in das Gebirge zurück. Von dieser Stunde an klagte das Schaf nie mehr über sein Schicksal.

Gotthold Ephraim Lessing Europa - Mitteleuropa - Deutschland



Weil der Tag heute so herrlich war, möchte ich noch ein Gedicht über das Erntefest aufschreiben.




Erntefest


Wagen auf Wagen schwankte herein,
Scheune und Böden wurden zu klein:
Danket dem Herrn und preist seine Macht,
glücklich ist wieder die Ernte vollbracht.

Hoch auf der Fichte flattert der Kranz,
Geigen und Brummbass laden zum Tanz;
leicht wird das Leben trotz Mühe und Plag,
krönet die Arbeit ein festlicher Tag.

Seht ihr der Kinder fröhliche Schar,
blühende Wangen, goldlockiges Haar?
hört ihr sie jubeln? O liebliches Los,
fällt ihnen reif doch die Frucht in den Schoß!

Wir aber furchen, den Pflug in der Hand,
morgen geschäftig aufs neue das Land;
ewig ja reiht, nach des Ewigen Rat,
Saat sich an Ernte und Ernte an Saat.

Julius Sturm (1816-1886)


                                                                   Herzlichst Margot




Kommentare:

  1. Ich liebe diese Spätsommer- oder Herbstanfangtage sehr :-)

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag für dich - Monika

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    1. Danke Monika, es sind auch für mich wunderschöne Tage. :-)

      Dir auch einen schönen Sonntag und liebe Grüße, Margot.

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  2. Ich wünschte, wir wären alle wie dieses Schaf...
    Schönen Sonntag noch
    Eva

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    1. Liebe Eva, du sprichst mit wenigen Worten aus, was auch ich mir wünsche.
      Danke. :-))
      Einen schönen Sonntag und liebe Grüße, Margot.

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  3. Eine schöne Geschichte hast du ausgesucht. Sie beschreibt unser Dilemma sehr anschaulich: Waffen ja oder nein?
    Auch das Gedicht gefällt mir.
    (Darf man eigentlich anderer Leute Werke einfach auf seiner Seite veröffentlichen? Ich scheue davor zurück.)

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    1. Hallo Antje vielen Dank für deine lieben Worte. Es freut mich, dass dir beides gefällt.
      Mit dem Urheberrecht ist das so eine Sache, aber wenn der Autor schon 70 Jahre tot ist, ist es erlaubt. Ich schaue auch meistens auf die Nutzungsbedingungen der jeweiligen Webseite, außerdem möchte ich keine Gewinne erzielen. Ich mache es nur aus Spaß an der Freude und setze auch die Autoren-Namen unter ihren Werken.
      Möchte mich nicht mit fremden Federn schmücken. :-) Ehre wem Ehre gebührt. (Zitate)
      Liebe Grüße, Margot.

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  4. Hallo Margot,

    bei uns war es gestern sehr sonnig und ziemlich warm und heute - irgendwie Sommer. Passenderweise bin ich gestern bei meinem sonntäglichen Spaziergang Schafen begegnet ;)

    Liebe Grüße
    Björn :)

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    1. Hallo Björn, es ist schön, dass noch einmal der Sommer zurückgekommen ist.
      Und wenn dir Schafe begegnet sind, ist es ein gutes Zeichen. :-)

      Liebe Grüße, Margot.

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